Zeitraum schlägt Zeitpunkt – Plädoyer für eine langfristige „Buy and Hold“ Geldanlage

Buy and hold Geldanlage

Die Börse ist keine Einbahnstraße. Die aktuelle Situation sowie die Zukunftsaussichten von einzelnen Unternehmen und Branchen spiegeln sich in schwankenden Kursverläufen von Aktien und Indizes wider.

Dies führt auch Privatanleger zu der Frage: Wann ist der richtige Zeitpunkt, an der Börse ein- und wieder auszusteigen?

„Market Timing“ und „Stock Picking“ – oder „Buy and Hold“ mit ETFs?

Prinzipiell gibt es in diesem Zusammenhang zwei Denkrichtungen, die sich in unterschiedlichen Anlagestilen niederschlagen:

Aktives Investieren: Die eine Gruppe ist der Meinung, durch kluge Anlageentscheidungen (insbesondere durch Stock Picking und Market Timing) besser abschneiden zu können als der Markt im Durchschnitt. Diese Fraktion der Anleger investiert aktiv in einzelne Aktien oder in aktiv gemanagte Investmentfonds. Insbesondere Banken, Fondsgesellschaften und Vermögensberater propagieren gern den aktiven Ansatz. Schließlich lassen sich hierdurch die üppigen Provisionen für die angebotenen Produkte besser verargumentieren.

Passives Investieren: Die andere Gruppe investiert rein passiv, indem sie in breit gestreute Indizes über börsengehandelte Indexfonds (Exchange Traded Funds – ETFs) an der Börsenentwicklung teilhaben möchte. ETFs erfreuen sich seit einigen Jahren immer größerer Beliebtheit, und dies aus guten Gründen. ETFs sind

  • breit gestreut über Branchen, Länder und Währungen hinweg – hierdurch besteht ein reduziertes Risiko bzgl. großer Schwankungen;
  • kostengünstig – die Rendite wird durch Kosten deutlich weniger geschmälert als bei aktiv gemanagten Fonds;
  • transparent – für den Anleger ist nachvollziehbar, welche Aktien im Index enthalten sind und wie sich der Index / ETF entwickelt.

Einer der in Deutschland bekanntesten Vertreter eines passiven Investmentansatzes ist Gerd Kommer. Er hat über dieses Thema vor einigen Jahren ein Buch geschrieben, die „Buy and Hold Bibel“. In seinem Buch legt er umfassend dar, warum passives Buy and Hold einem aktiven Investmentansatz überlegen ist. Auf einige Aspekte dieses Buches gehe ich nachfolgend ein.

Aktives und passives Investieren im Vergleich

Die nachstehende Tabelle aus dem Buch von Herrn Kommer vergleicht die beiden Investment-Ansätze im Überblick.

 Aktives InvestierenPassives Investieren (Buy and Hold)
Zielden Markt schlagendie Marktrendite bei möglichst geringen Kostenabzügen erreichen
Anlagehorizonttypischerweise nicht festgelegt, generell eher kurzsehr langfristig, oft bis zum Eintritt in den Ruhestand und darüber hinaus
Strategiespekulativ: Market Timing und Stock Picking; häufiges Kaufen und Verkaufeninvestierend: gesamter Markt wird gekauft; sehr seltenes Kaufen und Verkaufen
Verwendete Produkteaktiv gemanagte Aktien- und Rentenfonds, Einzelaktien, Zertifikate etc.ausschließlich ETFs
Diversifikationsgradniedrig und häufig mit Schwerpunkt in Deutschland / Westeuropa breit und meist global
Transaktionskostenhochniedrig
Anhänger / UnterstützerBanken, Fondsgesellschaften, Vermögensberater, FinanzmedienWissenschaft, darunter mehrere Nobelpreisträger, Warren Buffett
Realisierte, langfristige Nettorendite eines durchschnittlichen Anlegers (vor Steuern)2 bis 5 Prozentpunkte unter MarktrenditeMarktrendite abzgl. etwa 0,5 Prozentpunkte

Ein wichtiger Aspekt im Rahmen einer Anlageentscheidung ist der Anlagehorizont. Viele Anleger unterschätzen die Länge ihres Anlagehorizontes. Dieser liegt – je nach Alter und Sparzielen – häufig bei 20, 30 oder sogar 40 Jahren. Der Anlagehorizont spielt eine wichtige Rolle dabei, seine Asset-Allokation festzulegen – also auch die Höhe des Aktienanteils am Gesamtportfolio. Je länger der Anlagehorizont und je ferner der Zeitpunkt, ab dem die „Verbrauchsphase“ des angesparten Geldes beginnt, desto höher kann der Aktienanteil liegen.

Mein Lieblingszeithorizont ist „für immer“ (Warren Buffett)

Die meisten Privatanleger haben einen deutlich längeren Anlagehorizont, als ihnen Banken und Vermögensberater weismachen wollen. Diese Kurzfristorientierung ist nicht zufällig: Je häufiger ein Kunde kauft und verkauft, desto mehr verdient der Finanzdienstleister – zu Lasten der Rendite des Kunden. Wie heißt es so schön: „Hin und her macht Taschen leer.“

Vorteile eines „Buy and Hold“ Investment-Ansatzes

Die Vorteile eines passiven Buy and Hold Ansatzes gegenüber aktiven Anlagestrategien sind für Gerd Kommer folgende:

  • Die Wahrscheinlichkeit, zu den 10 Prozent der erfolgreichsten Anleger zu gehören, ist größer als bei jedem anderen Investment-Ansatz.
  • Buy and Hold ermöglicht die Senkung des Anlagerisikos auf die Höhe, die der gewünschten Kombination aus Risikoakzeptanz und angestrebter Zielrendite entspricht.
  • Der Ansatz ist leichter umzusetzen, einfacher zu überwachen und erfordert weniger Betreuungsaufwand als andere Strategien.
  • Durch passives Investieren fallen weitaus geringere einmalige und laufende Kosten an als bei aktiv gemanagten Portfolios.
  • Eine Anlage in ETFs erfordert deutlich weniger Startkapital als aktives Investieren. Eine breite Streuung kann bereits mit kleinen Beträgen erreicht werden.
  • Aufgrund der wissenschaftlichen Begründung verschafft der Ansatz den Anlegern einen größeren Seelenfrieden als jeder andere Investmentansatz.

Soweit allgemein zum passiven, langfristigen Investieren mit ETFs. ETFs gibt es aber für alle möglichen Asset-Klassen. Welche Asset-Klasse bietet nun langfristig das höchste Renditepotenzial?

Asset-Klassen im Vergleich: Aktien sind langfristig überlegen

In seinem Buch stellt Gerd Kommer ausführlich anhand empirischer Daten die Renditen unterschiedlicher Asset-Klassen (Aktien, Anleihen, Immobilien, Rohstoffe, Gold) dar. Ergebnis: Aktien sind allen anderen Assetklassen langfristig deutlich überlegen.

Die drei wesentlichen Risiko-Rendite-Faktoren aus Sicht eines Buy and Hold Anlegers sind (neben dem Equity-Premium, also der unter Renditeaspekten langfristigen Überlegenheit von Aktien gegenüber anderen Anlageklassen):

  • der Small-Cap-Effekt (Nebenwerte sind bzgl. Renditechance großen Standardwerten überlegen)
  • der Value-Effekt (Substanzwertaktien sind bzgl. Renditechance Wachstumsaktien überlegen)
  • der Schwellenländer-Effekt (Schwellenländeraktien sind bzgl. Renditechance Industrieländeraktien überlegen).

Diese drei Aktienkategorien haben langfristig ein höheres Renditepotenzial, welches aber auch mit einem höheren Risiko verbunden ist. Als Anleger kann man sich diese Effekte dadurch zunutze machen, dass man im Aktienanteil seines Portfolios Nebenwerte, Value-Aktien und Schwellenländer-Aktien übergewichtet.

Keine Chance ohne Risiko

Wenn Du Geld an der Börse anlegen möchtest, musst Du Dir aber einer Sache bewusst sein: Investments, die einen höheren Ertrag als Festgeld erbringen, weisen auch ein höheres Risiko auf. Dies bedeutet, dass erwartete Erträge auch mal ausbleiben oder – aufgrund von Kurschwankungen – (zwischenzeitliche) Verluste auftreten können.

Entscheidend ist aber, das Risiko richtig einzuschätzen. Du musst unterscheiden zwischen einem vorübergehenden Anlagerisiko (in Form zwischenzeitlicher Kursschwankungen) und einem dauerhaften Anlagerisiko. Ein wirkliches Anlagerisiko besteht darin, dass ein Anlageziel am Ende des Anlagehorizontes nicht erreicht wird (wenn kein Gewinn oder sogar ein Verlust erzielt wird). Dies ist dann der Fall, wenn ein Anleger seine Aktien während eines Börsencrashs verkauft und somit seine Verluste realisiert.

Wenn Du nach Rückschlägen an der Börse aber investiert bleibst, kann sich ein vorübergehender (nicht realisierter) Verlust schon nach wenigen Monaten wieder in einen Gewinn umkehren.

Was Du hierzu brauchst, sind also Zeit und starke Nerven. Du musst solche Phasen „aussitzen“ können, ohne in Panik zu verfallen und unüberlegte Entscheidungen zu treffen.

Im Crash investiert bleiben?

Wer in Aktien investiert, wird also unweigerlich damit konfrontiert, dass die Kurse auch mal kräftig fallen können.

Gerd Kommer analysiert in seinem Buch die schlimmsten Börsencrashs der letzten 100 Jahre und geht der Frage nach, welches Anlegerverhalten in den Crashsituationen das beste gewesen wäre. Erkenntnis: Wer die Börsenabschwünge stoisch ausgehalten hat und sich nicht zu Panikverkäufen hinreißen ließ, wurde für sein Durchhaltevermögen belohnt.

Ein Buy and Hold Anleger sollte also bei (zwischenzeitlichen) Kursverlusten nicht enttäuscht das Handtuch werfen und seine Verluste durch Verkauf realisieren, sondern investiert bleiben und die Durststrecke überstehen.

Begründen lässt sich dieses empfohlene Verhalten auch mit dem Phänomen „Regression zum Mittelwert“. Damit ist gemeint, dass ab Zeiträumen von etwa fünf bis zehn Jahren die Rendite einer Gruppe von Aktien um den arithmetischen Mittelwert der Asset-Klasse herum pendelt. Irgendwann kehren die Aktien also zu ihrem wahren Wert zurück.

Börsenabstürze sind normal. Es geht in den Aktienmärkten oft drei Schritte vorwärts, und dann zwei oder mehr Schritte zurück, bevor es wieder aufwärts geht. Es hat immer Kursabstürze gegeben, und es wird sie immer geben. Politiker, Zentral- und Geschäftsbanken, Investoren – alle können Fehler machen und tun dies auch. Ein Börsen-Crash ist eine Art Selbstreinigungsprozess des Marktes, ein Zurück zur Normalität nach einer Blase.

Ein Aktien-Crash fügt denjenigen den größten Schaden zu, die mitten im Crash verängstigt verkaufen und damit Verluste endgültig realisieren. Diese Anleger verpassen häufig einen großen Teil der sich anschließenden Aufschwungphase und steigen später zu einem teureren Niveau wieder ein, als sie ausgestiegen sind.

Die beste Chance haben diejenigen, die Abschwünge stoisch aushalten. Die Empfehlung von Gerd Kommer für den Fall eines Crashs lautet daher: Nichts tun!

Oder wie es Börsenlegende André Kostolany formulierte:

Wer die Aktien nicht hat, wenn sie fallen, hat sie auch nicht, wenn sie steigen (André Kostolany)

Es wäre fatal, die besten Börsentage zu verpassen

Und noch ein Beispiel, das die Bedeutung von „Buy and Hold“ verdeutlicht: Wenn Du im Zeitraum von 1987 und 2016 die 15 besten Börsentage des DAX verpasst hättest, dann hättest Du nur eine Wertentwicklung von 4,09% p.a. gehabt – statt 8,33% p.a.!

Fazit: Zeitraum schlägt Zeitpunkt

Die dargestellten Erkenntnisse lassen sich in der prägnanten Formel „Zeitraum schlägt Zeitpunkt“ zusammenfassen. Oder anders formuliert: Time, not Timing. Stets oder auch nur überwiegend zum Tiefpunkt zu kaufen und zu Höchstkursen zu verkaufen, dürfte den allerwenigsten gelingen. „Was“ wir kaufen, ist viel wichtiger, als „wann“ wir es kaufen. Gemeint ist hiermit die Asset-Allokation, also die breite Aufteilung des Porfolios auf verschiedene Asset-Klassen wie Aktien oder Anleihen. Die Bedeutung der Asset-Allokation rührt daher, dass der langfristige Ertrag eines Portfolios zu einem äußerst hohen Prozentsatz von der Auswahl und Gewichtung der Asset-Klassen bestimmt wird. Mehrere Studien beziffern diesen Einfluss auf über 90 Prozent.

Zur praktischen Umsetzung stellt Gerd Kommer in seinem Buch auch ein Weltportfolio mit einer möglichen Asset-Allokation (prozentuale Aufteilung auf Aktien, Immobilien, Rohstoffe und Anleihen sowie Nennung konkreter Produkte mit WKN) vor. Derartige praktische Umsetzungsempfehlungen stellen aus meiner Sicht immer einen großen Mehrwert dar.

Und noch ein abschließender Hinweis: Auch und gerade für die Altersvorsorge, deren Bedeutung für die Generation der Millennials nicht oft genug betont werden kann, ist das Buy and Hold Investieren ein äußerst vielversprechender Ansatz.

Bildnachweis: © geralt von pixabay.com

Hier geht’s zum Buch*

Die Buy-and-Hold-Bibel: Was Anleger für langfristigen Erfolg wissen müssen
  • Gerd Kommer
  • Herausgeber: Campus Verlag
  • Auflage Nr. 1 (13.07.2009)
  • Broschiert: 224 Seiten

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Buy and hold Geldanlage

2 Gedanken zu „Zeitraum schlägt Zeitpunkt – Plädoyer für eine langfristige „Buy and Hold“ Geldanlage

  • 4. November 2018 um 7:49
    Permalink

    Hallo Andreas,

    vielen Dank für deine sorgfältige Aufarbeitung der Aktivpassiv-Diskussion.

    Auxh wenn ich Herrn Kommer sehr schätze, gefällt mir sein Bild eines aktiven Investors überhaupt nicht. Er benennt einen Investor aber beschreibt vielmehr einen unterdurchschnittlichen Spekulanten.

    Die Übersichtstabelle der verschiedenen Investmentansätze zeigt auf der aktiven Seite einen Investor der offensichtlich alles falsch macht, was man falsch machen kann. Auf der anderen Seite zeigt sich der entspannte passive Investor. Wenn ich die Diskussion so führe, schlägt die Argumentationswaage natürlich sehr eindeutig in Richtung passiv. Wenn aber der Aktive auch ab und an mal etwas richtig macht und Grundsätze beachtet und man beim passiven Investor berücksichtigt, dass er auch mit den Tücken der Börsenpsychologie zu kämpfen hat und passiv bleiben gar nicht so einfach ist
    wie es klingt, dann verläuft das Rennen gar nicht mehr so eindeutig.

    Schöne Grüße und vielen Dank für die Mühe!

    Marco

    Antworten
    • 4. November 2018 um 10:39
      Permalink

      Hallo Marco,
      vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich gebe Dir recht: Die Tabelle ist natürlich recht „holzschnittartig“. Die Darstellung zum aktiven Investieren fokussiert tatsächlich recht stark auf die negativen Aspekte. Aber daher umso besser, dass Du hier auf die Möglichkeit / Notwendigkeit einer stärkeren Differenzierung hinweist. Unter dem Strich überzeugen mich aber die Argumente und empirischen Nachweise von Herrn Kommer, so dass auch ich vom „Buy and Hold“ überzeugt bin.
      Viele Grüße,
      Andreas

      Antworten

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