Was die Politik tun muss, um die Rente der Generation Y zu sichern

Rente Generation Y

Kürzlich hatte ich die Gelegenheit, an einem Grundsatzvortrag von Prof. Dr. Christian Hagist zur aktuellen Rentendebatte aus ökonomischer Sicht teilzunehmen. Christian Hagist lehrt an der renommierten WHU – Otto Beisheim School of Management in Vallendar bei Koblenz und hat dort den Stiftungslehrstuhl für Generationenübergreifende Wirtschaftspolitik inne. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der fiskalischen Nachhaltigkeit politischer Reformen.

Er wurde 2007 beim „Rentenpabst“ Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen an der Universität Freiburg promoviert und ist Mitglied der Jungen Rentenkommission. Die Junge Rentenkommission wurde gegründet, um die Interessen junger Generationen in die aktuelle Rentendebatte einfließen zu lassen.

In seinem Vortrag ging Prof. Hagist auf theoretische Grundlagen ein, nahm die aktuellen Reformvorschläge der Bundesregierung kritisch unter die Lupe und stellte seine eigenen Vorschläge zur nachhaltigen Sicherung des Rentensystems vor.

Sein Fazit: Es handelt sich bei den notwendigen Maßnahmen zur Stabilisierung des Rentensystems nicht um ein Erkenntnisproblem, sondern um ein Umsetzungsproblem.

Was ich aus den Ausführungen von Prof. Hagist mitgenommen habe, möchte ich in diesem Artikel mit Euch teilen.

Warum ist der Staat überhaupt in der Alterssicherung aktiv?

Nach einer kurzen Vorstellung theoretischer Grundlagen zur Begründung von Staatseingriffen in der Alterssicherung (für wissenschaftlich Interessierte: erwähnt wurden Adverse Selektion, Samariter Dilemma und Myopische Präferenzen) wurde auch die historische Entwicklung in Deutschland als Erklärung angeführt.

Nach dem zweiten Weltkrieg war der Kapitalstock stark reduziert, so dass eine ganze Rentnergeneration keine Zeit mehr hatte, finanzielle Rücklagen für ihren Ruhestand zu schaffen. Als Ausweg wurde das Umlageverfahren eingeführt. Dies bedeutet, dass die Beitragszahler mit ihren Rentenbeiträgen keinen Kapitalbestand für ihre eigene Rente aufbauen, sondern die Bezüge der aktuellen Rentenbezieher finanzieren. Im Gegenzug erwerben sie einen eigenen Rentenanspruch, der durch die zukünftigen Beitragszahler zu finanzieren ist.

Der demografische Wandel als Problem für unser Rentensystem

Dies funktioniert auch, so lange es genügend erwerbstätige junge Menschen gibt. Doch dies ist aufgrund des demografischen Wandels nicht mehr lange der Fall. Die Bevölkerungspyramide ist keine Pyramide mehr. Konsequenz: Immer weniger Beitragszahler müssen die Renten finanzieren. Eine weitere Herausforderung für das Rentensystem stellt die steigende Lebenserwartung dar, d.h. die Renten müssen nicht nur von weniger Beitragszahlern finanziert werden, sondern auch für einen längeren Zeitraum.

Aktuell gibt es noch kein gravierendes Problem für die Rentenkasse. Die sogenannten Baby Boomer (also die geburtenstarken Jahrgänge der 1950er und 1960er Jahre) zahlen momentan kräftig ein. Das absehbare Problem ist aber, dass diese Generation zu wenige Kinder bekommen hat, um das aktuelle Verhältnis von Beitragszahlern und Rentenempfängern (und damit die Beiträge und die Renten) stabil zu halten.

Aktuell finanzieren etwa drei Beitragszahler einen Rentner. Im Jahr 2040 werden nur noch zwei Beitragszahler einen Rentenempfänger finanzieren. Und in den Jahren danach verschlechtert sich das Verhältnis noch weiter.

Momentan ist das Rentensystem laut Prof. Hagist nur bis 2030 einigermaßen solide aufgestellt. Die mangelnde Finanzierbarkeit in den Jahren danach wird von der Politik ausgeblendet. Allerdings wird auch schon heute das zunehmende Ungleichgewicht zwischen Beitragszahlungen und Rentenhöhe durch Steuermittel finanziert. Der „Bundeszuschuss“ macht bereits 19% der Rentenzahlungen aus und stellt einen versteckten Beitrag zur Gesetzlichen Rentenversicherung dar.

Die Durchsetzbarkeit von Reformen als politisches Problem

Die aktuell im Rahmen des Rentenpakets von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil diskutierten Reformansätze gehen ganz klar zu Lasten zukünftiger Generationen – und somit auch eindeutig zu Lasten der Generation Y.

Leider hat die Politik auch keinen wirklichen Anreiz für eine nachhaltige, generationengerechte Rentenpolitik. Der sog. Median-Wähler ist 55 Jahre alt. Erschwerend kommt (aus Sicht der Jüngeren) hinzu, dass ältere Menschen auch häufiger zur Wahl gehen und dadurch die Stimme junger Menschen ein noch geringeres Gewicht bekommt, als sie aufgrund der Bevölkerungsstruktur ohnehin schon hat. Und daher werden auch primär diejenigen von der Politik „bedacht“, die die Mehrheit der Wählerstimmen darstellen. Und dazu gehört leider nicht die junge Generation.

Ein Kernaspekt des aktuellen „Rentenpakets“ von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil ist die sogenannte doppelte Haltelinie. Heil möchte sowohl die Beitragssätze als auch das Rentenniveau festschreiben. Allerdings fährt er dabei „auf Sicht“bis 2025, um genau zu sein.

Offen bleibt, wie es danach weitergeht. Da ab 2025 die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen, schlägt der demografische Wandel dann voll durch.

Kritik am Rentenpaket von Minister Heil

Die doppelte Haltelinie wird teuer. Richten muss es vermutlich der Steuerzahler. Wollte man z.B. die Mehrwertsteuer zur Finanzierung nutzen, so müsste diese nach den Berechnungen von Prof. Hagist von 19% auf 25% erhöht werden -also um rund ein Drittel.

Ein weiterer Bestandteil des Rentenpakets ist die Subventionierung niedriger Einkommen. Hauptkritikpunkt hieran ist, dass es eine ungenaue Umverteilung mit sich bringt. Sozialpolitik erfolgt hier „mit der Gießkanne“ und nicht nach Bedürftigkeit. Nach Schätzungen von Prof. Hagist würden 2/3 der Gelder an Personen gehen, die diese eigentlich nicht benötigen. Ein häufig angeführtes Beispiel hierfür ist der in Teilzeit arbeitende Ehemann einer gut verdienenden Oberärztin.

Mit der Subventionierung niedriger Einkommen wird auch das sog. Äquivalenzprinzip durchbrochen. Dieses besagt: Wer viel in die Rentenkasse einzahlt, bekommt viel Rente. Wer wenig einzahlt, bekommt wenig Rente. Dieser Mechanismus stellt auch einen wirksamen Anreiz gegen Schwarzarbeit dar, da für die Einnahmen aus der Schwarzarbeit keine Rentenansprüche erworben werden.

Alternative Reformvorschläge und Handlungsoptionen

Nach der Darlegung seiner Kritikpunkte stellte Professor Hagist die grundsätzlichen Stellschrauben der gesetzlichen Rentenversicherung vor, die da wären:

  1. Erhöhung des Renteneintrittsalters: Es führt kein Weg daran vorbei: Um das Rentensystem finanzierbar zu halten, wird das (kalkulatorische) Renteneintrittsalter weiter steigen müssen. Die Generation Y wird sich auf die Rente mit 70 einstellen müssen. Dies ist dem demografischen Wandel und der steigenden Lebenserwartung zu verdanken. Der faktische Renteneintritt kann natürlich auch früher erfolgen. Hierfür musst Du allerdings rechtzeitig finanziell vorsorgen. Oder Du hast das Glück, eine hinreichend große Erbschaft zu machen…
  2. Gerechtere Lastenverteilung zwischen den Generationen: Diese Lastenverteilung ist über eine mathematische Formel, den sog. Nachhaltigkeitsfaktor, geregelt. Momentan tragen Rentner 25% und Arbeitnehmer 75% der Last. Die größer werdende Zahl an Rentnern muss mehr beitragen, um die kleiner werdende Zahl an Arbeitnehmern zu entlasten.
  3. Ausbau zu einer Erwerbstätigen-/Bürgerversicherung: Viele Erwerbstätige (Beamte und Selbstständige / Freiberufler wie Ärzte, Juristen, Architekten, Apotheker) zahlen nicht in die gesetzliche Rentenversicherung ein, sondern in eigene Versorgungswerke. Grundsätzlich könnten auch alle Erwerbstätigen in eine Rentenversicherung einzahlen. Laut Prof. Hagist wäre dies zwar gefühlt gerecht, der Erfolg im Sinne einer langfristigen Entlastung des Rentensystems wäre aber fraglich. Er geht eher davon aus, dass diese Maßnahme aufgrund der überdurchschnittlichen Lebenserwartung dieser Berufsgruppen langfristig den Druck auf das System weiter erhöhen würde.
  4. Einführung einer „Lebensleistungsrente“: Diese stellt einen Bruch mit dem oben erwähnten Äquivalenzprinzip dar. Hier sind verschiedene Ausprägungen denkbar. Ohne Bedürfnisprüfung nach dem „Gießkannenprinzip“ wäre diese sehr teuer. Mit einer Bedürfnisprüfung würde der Anreiz für Schwarzarbeit erhöht. Weiterhin würde das Ziel einer zusätzlichen Vorsorge „ad absurdum“ geführt.
  5. Mehr Kapitaldeckung im System: Sukzessive Erweiterung der Rentenversicherung um Anlage in Kapitalmarktprodukte, die langfristig eine attraktive Rendite erwarten lassen.

Vorschläge für eine Rentenversicherung 2.0

Aus diesen grundsätzlichen Möglichkeiten leitet Prof. Hagist seine Reformvorschläge ab, die er unter der Überschrift „Rentenversicherung 2.0“ präsentierte:

  • Kapitaldeckung unter staatlicher Verwaltung: Hierbei geht es um die Einleitung eines Systemwechsels vom heutigen Umlageverfahren hin zu einem Kapitaldeckungsverfahren auch in der gesetzlichen Rentenversicherung. Mit der Riester– oder Rürup-Rente wurde dieser Weg in der privaten Altersvorsorge bereits beschritten. Nachteil: Hier geht ein großer Teil der Rendite verloren, da die Versicherungsindustrie üppige Provisionen und Gebühren kassiert. Dies ist auch sein Argument, das ganze in staatliche Hände zu legen.
  • Passives Anlagemanagement: Hier werden Anlagegelder in einen breit gestreuten Weltmarktfonds in Form eines Exchange Traded Funds investiert. Dieser Ansatz trägt der Erkenntnis Rechnung, dass fast kein Investmentmanager langfristig ein besseres Ergebnis erzielt als der Markt (in Form eines Referenzindex des Fonds, z.B. MSCI World oder DAX). Daher sind die (oft üppigen) Gebühren für ein aktives Fondsmanagement auch schlecht investiertes Geld, da sie meist nur die Rendite schmälern.
  • Verpflichtende Einzahlung für alle erwachsenen Bürger: Da momentan nur ca. jeder zweite Arbeitnehmer private Altersvorsorge betreibt (bei geringen Einkommen nur jeder vierte), schlägt Prof. Hagist als Lösungsansatz eine verpflichtende Einzahlung vor, die „kapitalgedeckt“ investiert wird. Hierfür kann ein fixer Prozentsatz der Beitragsbemessungsgrundlage angesetzt werden.
  • Progressive Bezuschussung bis 100%: Zur Realität in der Altersvorsorge gehört aber auch, dass manche Personen schlichtweg zu wenig verdienen, um noch Geld zurücklegen zu können. Hier bringt Prof. Hagist eine Bezuschussung ins Spiel, die (je nach Bedürftigkeit) bis zu 100% betragen kann.
  • Individuelle Kontenführung: Ein Kritikpunkt an staatlicher Verantwortung für eine kapitalgedeckte Zusatzvorsorge besteht in der Sorge, dass der Staat die einbezahlten Mittel zweckentfremden könnte (ähnlich den „versicherungsfremden Leistungen“ im Rahmen der gesetzlichen Rentenversicherung). Hier soll ein jährlicher Kontoauszug für den besparten Weltmarktfonds für Transparenz sorgen. Rechtlich müsste das ganze zudem so ausgestaltet sein, dass die Anlagegelder dauerhaft vor dem Zugriff durch den Staat geschützt sind.

Ausblick

Die spannende Frage mit Blick auf die gesetzliche Rentenversicherung ist, wie es ab dem Jahr 2030 weitergeht. Die bisherigen Vorschläge des Rentenpakets klammern diese Zeit aus. Es wird „auf Sicht“ gefahren, und absehbare Probleme werden nicht angegangen.

Unstrittig dürfte sein, dass es nicht so weitergehen kann wie bisher. Die Politik muss den Mut haben, die Vorschläge umzusetzen, die von Expertenseite unterbreitet werden bzw. die schon vorliegen.

Pessimistisch stimmt in diesem Zusammenhang, dass das Rentenpaket von Herrn Heil bereits vorgestellt wird, noch bevor die Experten aus der aktuell einberufenen Rentenkommission ihre Vorschläge für eine generationengerechte Rente überhaupt unterbreiten konnten.

Weiterhin scheint die Anlage in Aktien von vielen politischen Vertretern noch als „Teufelszeug“ angesehen zu werden – sei es aus Unwissenheit, oder aus ideologischen Gründen. Eine Sorge der Politik besteht offensichtlich darin, dass mit einem „Börsencrash“ alle angesparten Mittel plötzlich „weg“ sein könnten. Diese Sorge lässt sich aber mit keiner langfristigen Betrachtung rechtfertigen, und die Auswirkungen von Kursschwankungen können auch durch eine entsprechende Reduktion des Aktienanteils im Zeitverlauf minimiert werden.

Optimistisch stimmt, dass mit der „Deutschlandrente“ schon eine erste politische Initiative vorgestellt wurde, die als staatlich organisiertes Standardprodukt die o.g. Vorschläge teilweise aufgreift. Auch wenn die „Deutschlandrente“ noch nicht mehrheitsfähig zu sein scheint, so gehen die Vorschläge doch in die richtige Richtung und haben Eingang in die politische Diskussion gefunden.

Vielleicht muss aber auch der Druck auf das Rentensystem noch größer werden, bevor die notwendigen Reformen auf den Weg gebracht werden. Auch die Reformen der Schröder-Regierung („Agenda 2010“) waren politisch vermutlich nur durchsetzbar, weil Deutschland zu dieser Zeit als „kranker Mann Europas“ galt.

Fazit: Nimm Dein Schicksal selbst in die Hand

Wenn nichts passiert, ist mit einer „Abstimmung mit den Füßen“ zu rechnen. Junge, gut ausgebildete Menschen mit entsprechenden Sprachkenntnissen werden sich die Abgabenlast ab einer gewissen Größenordnung schlichtweg nicht mehr bieten lassen und auswandern. Sie sind auch in anderen Ländern aufgrund ihres Wissens und ihrer Fähigkeiten herzlich willkommen.

So oder so solltest Du aber nicht auf die großen Reformen warten, sondern Dein (Altersvorsorge-)Schicksal bereits jetzt selbst in die Hand nehmen. Der ideale Einstieg in Deine private Altersvorsorge ist meiner Meinung nach ein ETF-Sparplan.

Bildnachweis: © geralt von pixabay.com

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Rente für die Generation Y

2 Gedanken zu „Was die Politik tun muss, um die Rente der Generation Y zu sichern

  • 28. August 2018 um 5:10
    Permalink

    Die Hälfte des Kindergeldes 20.000 € zur Geburt als Startkapital für jeden Bürger ergibt nach 68 Jahren ca. 700.000 € das sollte für 30 Jahre Rente reichen.

    Antworten
    • 28. August 2018 um 6:26
      Permalink

      Hallo Martin,

      vielen Dank für Deinen Kommentar. Das Kindergeld (zumindest teilweise) monatlich in einem ETF-Sparplan anzulegen, ist aus meiner Sicht eine gute Idee und ja auch heute schon möglich. Das Geld kann dann z.B. für die Finanzierung eines Studiums für den Nachwuchs verwendet werden. Genauso könnte man das ganze natürlich auch für die Altersvorsorge des Nachwuchses „liegenlassen“ / langfristig investiert bleiben.

      Über eine Bereitstellung als Startkapital habe ich mir noch nie Gedanken gemacht, das hört sich aber interessant an. Das Geld müsste halt nur vom Staat auch „vorab“ in einer Summe ausgezahlt / angelegt werden. Keine Ahnung, ob das finanzierbar wäre. Zudem muss es auch politisch gewollt sein. Und wenn die Anlage in langfristig renditeträchtiger Form (=Aktien) erfolgen soll, so gilt dies ja (leider) vielen politischen Vertretern auch als „Teufelszeug“.

      Weiterhin müsste sichergestellt sein, dass das „Startkapital“ weder vom Empfänger verkonsumiert werden kann, noch dass es im Laufe der Jahre durch die Politik doch wieder „zweckentfremdet“ wird.

      Aber mir gefällt die Idee!

      Viele Grüße,
      Andreas

      Antworten

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